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OZON vom 15.02.2006
Glühende Fassaden - Wärmeverluste in Berlin
Als Bauingenieur und Energieberater arbeitet Michael Gola aus Mahlow seit
2004 mit einer hoch auflösenden Thermokamera. Siebzig Prozent der Heizwärme, so
seine provokante These, ließen sich durch gute Wärmedämmung
einsparen. Andere Fachleute warnen vor einer unbezahlbaren Dämmeuphorie.
Auf einer Reise durch Berlin, wo schon viel für die Gebäudesanierung getan
wurde, studieren wir mit dem Experten das Machbare. Plattenbauten in Hellersdorf
gehören zu den vorbildlichsten Beispielen: An einigen wurden bereits
"Energietafeln" angebracht. Bei älteren, unsanierten Häusern entweicht zwar die
Innenwärme zum großen Teil über die Mauern. Dennoch ist manchmal eine bessere
Heizung sparsamer als das Verkleiden der wertvollen Fassaden.
Manuskript:
Wo immer sich Wärme ausbreitet, kommt
Thermograf Michael Gola auf ihre Spur – an jeder erdenklichen Oberfläche, auch
an den Außenwänden des beheizten Fernsehturmcafés. Von hier startet unsere
kleine Reise durch Berlin. Je heller einzelne Bildbereiche – desto mehr
Heizwärme dringt nach draußen.
Lichtenberg, Mierendorfstraße. Ein
unsanierter 18-Geschosser strahlt wie ein thermographisches Feuerwerk.
O-Ton Michael Gola: Thermograf "Hier sieht man zum
einen die Befestigungsdübel der Platten – die sind deutlich erkennbar. Man sieht
auch deutlich, dass die Fenster noch alte Fenster sind, dass dort gerade im
Rahmenbereich Wärme verloren geht und natürlich auch die Platten untereinander,
dass die natürlich nicht gedämmt sind, wie es der heutige Standard hergeben
sollte."
Solche Objekte treffen wir in Lichtenberg kaum noch an.
Millioneninvestitionen und Förderprogramme sorgten hier für regelrechte
Niedrigenergiehäuser. Das Thermogramm zeigt kaum Wärmeverluste bei diesem
sanierten 11-Geschosser. Durch kombinierten Wärmeschutz konnten die Bauherren
zwei Drittel Heizenergie einsparen, wie eine Energietafel am Haus bezeugt.
O-Ton Michael Stumpf: Projektleiter Niedrigenergiehaus,
Wohnungsbaugenossenschaft Lichtenberg "Der Plattenbau macht es deshalb
einfach, weil er einfach strukturiert ist. Er hat nicht so viele
Verschnörkelungen wie zum Beispiel ein Altbau, der unter Denkmalschutz steht,
dort hat man dann noch die Auflagen des Denkmalschutzes, die man einhalten muss,
man muss alte Systeme erhalten oder alte Systeme genauso wieder errichten. Diese
Forderungen bestehen bei einem Plattenbau nicht. Man kann neue Systeme neu in
diesen Plattenbau hineinbringen."
Nur wenige Straßen weiter, im
Nachbarbezirk Prenzlauer Berg. Mischbebauung an der Danziger Straße.
Lückenbauten aus den 50er Jahren, neben Gründerzeitblocks, saniert und
unsaniert. Im Thermogramm durchleuchtet Wärme die Außenwände scheinbar wie rohe
Eier: Heizungen schimmern hindurch. Ganze Heizrohrschächte werden sichtbar.
O-Ton Michael Gola: Thermograf "Man sieht eindeutig in
den Thermogrammen, dass es erhebliche Wärmebrücken gibt: diese Flecken hier zum
Beispiel sind zum einen diese alten Gamat-Gas-Heizungen und zum andern sinds zum
Beispiel Heizkörpernischen. An diesen Stellen sind in den Altbauten in der Regel
die Wände dünner als im Regelquerschnitt und dort geht natürlich wesentlich
Wärme verloren."
Keine Extremfälle. Zwischen Greifswalder Straße und
Prenzlauer Allee, hohe Mieten nach der Sanierung. Trotzdem ein katastrophales
Bild: Ganze Straßenzüge glühen. Die Temperatur der Außenwände liegt nahezu
flächendeckend 5 Grad über der Lufttemperatur. Hier wurden mit Rücksicht auf die
Fassaden nicht gedämmt. Pinselstrichsanierung, sagen die Architekten.
O-Ton Christian Feddersen: Bausachverständiger "Das
Problem ist immer noch da. Es wird immer noch so saniert: Die Fassade wird nicht
gedämmt, es werden neue Fenster eingebaut, die dicht sind und es wird an der
Fassade einfach nichts gemacht, so dass die Wärmebrücken weiterhin da sind. Es
ist ein Thema, was heute auch noch akut ist. Und durch die gestiegenen
Heizkosten lüften die Bewohner weniger. Es entstehen in einem
Vierpersonenhaushalt pro Tag 10 Liter Wasserdampf und dieser Wasserdampf muss ja
herausgeführt werden. Das ist eigentlich nur durch Stoßlüftung möglich und das
mehrmals am Tag und das wird eben nicht gemacht."
Auch an dieser
Häuserfront könnten realistisch zwischen 50 und 80% Heizenergie eingespart
werden, wie Wohnungsunternehmen schätzen. Allerdings zu Preisen, die
Hausbesitzer scheuen dürften.
O-Ton Ingrid Vogeler: Verband
Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen "Wenn man mit Hausnummern
operiert, dann fängt das, sagen wir mal mit 200 € pro qm Wohnfläche an, die man
in die Sanierung des Gebäudes stecken muss, um es energetisch zu verbessern. Auf
einen heute allgemein üblichen Standard. Will man das KFW-40 Haus erreichen,
müssen das schon 400 € und mehr pro qm sein."
KFW-40? Von einem
solchen Niedrigenergiestandard können öffentliche Liegenschaften, wie diese
Turnhalle nur träumen. Ein wärmestrahlendes Mahnmal leerer Stadtkassen und teure
Energieschleuder in einem. Dabei gibt es auch andere Beispiele, wie das
Diesterweg-Gymnasium im Wedding. Die alte Heizungsanlage wurde hier durch eine
neue ersetzt. 30% weniger Energieverbrauch. Finanziert allein aus den gesparten
Heizkosten.
O-Ton Wolfgang Remler: EDL -
Energiedienstleistungen Berlin "Eigentlich müsste man erst mal das Haus
dämmen, die Fenster in Ordnung bringen – vom rein physikalischen Standpunkt und
dann eine verkleinerte Technik einbauen, aber Maßnahmen am Gebäude selber, also
die Wärmedämmung oder die Fenstersanierung, die sind so teuer, dass sie sich
tatsächlich nicht wirtschaftlich rechnen."
Für eine verbesserte
Energiebilanz in dem 30 Jahre alten Gebäude musste das Land Berlin nicht einen
Cent bezahlen. Dafür geht Wärme fast ungehindert durch die Außenfassade
verloren. Wie an vielen Orten unserer Berlin-Rundreise.
O-Ton Michael
Gola Thermograf "Der direkte Eindruck, den ich gewinnen konnte,
ist, dass ich es mir dramatischer dargeboten hat, als ich mir vorstellen konnte.
Das hab ich in dieser Flächenhaftigkeit so nicht erwartet."
Für den
Thermographen gibt es aber auch vorbildliche Lichtblicke in Berlin-Mitte – wie
die Marienkirche am Alex aus dem 14. Jahrhundert – oder das knapp 150 Jahre alte
Rote Rathaus. Beide haben topdichte Außenwände. Nur mit den Fensterfronten
haperts noch.
Beitrag von Felix Krüger
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17.01.07 21:30
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Seiten:
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Deutsche Energie Agentur (dena) [www.deutsche-energie-agentur.de] |
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Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen [www.bbu.de]
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